Schneeschuhwanderung zu den Morteratsch-Gletscherhöhlen: Einzigartige Eiswelten entdecken
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WT2
315m
315m
3:25
Nov-Mär
8.9km
Die Schneeschuhwanderung zu den Gletscherhöhlen am Morteratschgletscher ist ein beinahe magisches Erlebnis – eines, das sich mit jedem Jahr, ja mit jeder Saison neu erfindet. Nichts bleibt hier dauerhaft gleich: Seit etwa drei Jahren entstehen durch die stetige Bewegung des Eises und das fortschreitende Schmelzen immer wieder neue Höhlen, während andere verschwinden oder sich vollkommen verändern. Der Gletscher lebt, arbeitet, formt – und genau das macht seinen besonderen Reiz aus.
Die teils kathedralenartigen Eishöhlen mit ihren leuchtend blauen Wänden ziehen zahlreiche Besucher in ihren Bann. Doch so beeindruckend dieses Naturphänomen ist, so vergänglich ist es auch. Wer die Höhlen wirklich in Ruhe erleben möchte, sollte gut vorbereitet sein und möglichst früh starten – vor allem an Wochenenden, wenn viele Menschen den Weg hierher finden. Mit der richtigen Planung lässt sich die besondere Stille dieses Ortes noch spüren, bevor der Trubel einsetzt.
Ich selbst habe die Gletscherhöhlen mittlerweile drei Mal besucht: zweimal im Jahr 2025 und einmal im Jahr 2026. Jeder Besuch war anders, jedes Mal überraschte mich der Gletscher mit neuen Formen, Farben und Strukturen. In diesem Beitrag kannst du sehen, wie stark sich die Höhlen innerhalb nur eines Jahres verändern – ein eindrucksvoller Beweis dafür, wie dynamisch und zugleich verletzlich diese alpine Eiswelt ist.
Erster Besuch: Unter grauem Himmel zur Gletscherhöhle
Beim ersten Mal war ich allein unterwegs und brach früh auf, während meine Vereinskollegen noch schliefen. Unser Ruderverein übernachtete übers Wochenende in Madulain, und so nahm ich einen der ersten Züge nach Morteratsch, wo ich bereits um 7:30 Uhr ausstieg. Der Himmel war bewölkt, aber die Stille der morgendlichen Winterlandschaft hatte ihren eigenen Reiz. Zu meiner Überraschung war ich nicht die Einzige, die so früh unterwegs war – zwei andere Wanderinnen hatten sich ebenfalls schon auf den Weg gemacht. Als ich später zurückkehrte, wurde mir bewusst, wie klug die frühe Startzeit gewesen war: Mir kamen mehrere Hundert Menschen entgegen, die fast alle dasselbe Ziel hatten – die Gletscherhöhlen.
Der Weg beginnt am Bahnhof Morteratsch, von wo aus man sich auf eine etwa 90 minütige Wanderung durch das weite Tal begibt. Man kann sich entscheiden, ob man dem Schneeschuhpfad folgt, der links neben dem gespurten Wanderweg verläuft oder auf dem Winterwanderweg bleibt. Der Pfad führt durch eine tief verschneite Landschaft und ist bereits faszinierend. Ich kannte die Gegend bereits aus mehreren früheren Besuchen, aber bisher war ich immer nur im Sommer hier gewesen.
Nachdem ich das Ende des Tals und des Winterwanderwegs erreicht hatte, führte mich eine Brücke weiter, neben der ein Hinweisschild auf die alpinen Gefahren aufmerksam machte. Diese Warnungen sollte man ernst nehmen – wer sich in den Bergen nicht auskennt, sollte hier nicht weitergehen.
Der Weg hinter der Brücke ist bei meinem ersten Besuch bereits gut gespurt, dennoch erweisen sich Schneeschuhe als äußerst hilfreich. Sie geben Sicherheit, lassen mich entspannt vorankommen und nehmen dem tiefen Schnee seinen Schrecken. In den Höhlen selbst kann ich die Schneeschuhe problemlos weitertragen, alternativ wäre auch ein Wechsel auf Spikes möglich – je nach Untergrund und persönlichem Gefühl. Alles wirkt überraschend unkompliziert und zugleich abenteuerlich.
Schon die erste kleine Gletscherhöhle raubt mir den Atem. Es ist mein allererster Besuch in einer solchen Eiswelt, und ich bleibe unwillkürlich stehen, um diesen Moment ganz bewusst in mich aufzunehmen. Die Wände schimmern in unzähligen Blautönen: von zartem, fast milchigem Türkis bis hin zu tiefem, geheimnisvollem Saphir. Das Licht bricht sich im Eis, tanzt über die Oberflächen und lässt die Höhle lebendig wirken.
Das Eis selbst ist glatt und nahezu durchsichtig. In ihm sind winzige Luftblasen eingeschlossen, feine Risse ziehen sich wie Adern durch die Wände – stille Zeugen einer jahrtausendealten Geschichte. Jeder Schritt fühlt sich ehrfürchtig an, als würde man einen Raum betreten, der nicht für Menschen gedacht ist und sich doch für einen kurzen Augenblick öffnet.
Es ist angenehm ruhig. Nur wenige Wanderer sind vor Ort, ihre Stimmen verlieren sich schnell im Eis. Stattdessen höre ich das leise Knacken und Knirschen des Gletschers, ein kaum wahrnehmbares Arbeiten tief im Inneren. In diesem Moment fühlt sich alles zeitlos an – als würde draußen die Welt stillstehen und hier drinnen nur das Eis erzählen.
Hinter der ersten kleinen Höhle folgt eine zweite Höhle mit tiefer Decke. Hier muss man sich bücken, um reinzugelangen. Beim zweiten Besuch war diese aber zugeschneit, so dass wir nicht mehr reingekommen sind. Schon nach kurzer Zeit taucht die erste der beiden großen Höhlen auf – und der Anblick ist schlicht überwältigend. So etwas Schönes habe ich noch nie zuvor gesehen, und ich bin vollkommen fasziniert!
Es gibt sogar einen grossen Stalaktiten, der von der Decke hängt und sich bereits mit dem Boden verbunden hat. Im Laufe der nächsten Wochen schaue ich mir immer wieder Fotos von anderen Besuchern an und man sieht, wie sehr sich die Höhle formt und die Stalaktiten auch immer wieder anders ausschauen.
Nachdem ich die erste große Gletscherhöhle passiert habe, gelange ich zur letzten und größten Höhle. Sie ist einfach überwältigend und atemberaubend! Ich verbringe lange damit, die vielen faszinierenden Eisformationen zu betrachten, die über Jahrhunderte hinweg entstanden sind und die man sonst nie aus dieser Nähe sehen würde.
Zuhause erzähle ich voller Begeisterung von meinem Erlebnis und meine Familie meint sofort, dass sie die Gletscherhöhlen auch besuchen möchten. Ich platzte fast vor Enthusiasmus, da ich meine Erlebnisse mit jemandem teilen musste. Lange suchen wir nach einer passenden Unterkunft in der Nähe, bis wir endlich etwas Bezahlbares finden (ein Ding der Unmöglichkeit an einem Samstag in der Winter-Hochsaison, aber wir werden in der sehr empfehlenswerten Jugendherberge St. Moritz fündig).
Zweiter Besuch: Ein Abenteuer im Schneesturm
Eine Woche später machte ich mich erneut auf den Weg – diesmal mit meinem jüngsten Sohn und meinem Mann. Über Nacht war frischer Schnee gefallen, und wir freuten uns auf eine Wanderung durch die unberührte Winterlandschaft. Doch das Wetter hatte andere Pläne. Schon am Bahnhof bemerkten wir, dass sich dunkle Wolken zusammenballten. Kurz nach dem Aufbruch brach ein Schneesturm los, der die Sicht völlig versperrte und das Fortkommen erheblich erschwerte. Der Neuschnee hatte die Umgebung seit meinem letzten Besuch völlig verändert. Nach etwa 90 Minuten erreichten wir die Brücke – ich hatte die gesamte Strecke gespurt und war völlig erschöpft. Der Schneesturm raubte uns die Orientierung, und trotz Schneeschuhen sanken wir teilweise bis zur Brust im Schnee ein. Wir hatten zwar den GPX-Track von meinem letzten Besuch dabei, aber ein Weiterkommen war unmöglich. Zudem trugen wir die Verantwortung für unseren Sohn, der uns begleitete und uns vertraute. Das Risiko wollten wir nicht eingehen, also entschieden wir uns schweren Herzens, hinter der Brücke umzukehren.
Nach einiger Zeit mussten wir die Tour abbrechen – es wäre zu gefährlich gewesen, weiterzugehen. Trotz guter Ausrüstung wurde das Gehen immer schwieriger. Der Neuschnee war tückisch: Mal sackte man tief ein, mal trug er das Gewicht. In diesem Moment wurde uns bewusst, wie schnell sich Bedingungen in den Bergen ändern können und dass es manchmal besser ist, umzukehren.
Unser Sohn war verständlicherweise sehr enttäuscht, vor allem, da wir den Weg nun scheinbar vollkommen umsonst gelaufen waren. Die Stimmung war im Keller, zumal wir ja auf dem Rückweg weiterhin durch hohen Schnee stapfen mussten, was wirklich anstrengend war. Uns kamen mehr und mehr andere Schneeschuhgänger entgegen. Nachdem wir eine Gruppe angesprochen hatte, stellte sich heraus, dass sie einen Bergführer dabei hatten. Oha – wenn diese Gruppe es probiert, dann könnten wir vielleicht doch eine Chance haben! Wenn du nicht alleine in die Gletscherhöhlen gehen möchtest oder dir die notwendigen Bergkenntnisse fehlen, buch die Tour am besten mit der Bergsteigerschule Pontresina, die diese Tour täglich anbieten.
So entschieden wir uns nach einer Tee-Pause der Gruppe zu folgen. Vor uns befanden sich nun eine Gruppe mit 3 Schneeschuhgängern und die ca. 8-köpfige Gruppe mit dem Bergführer. Das sollte ausreichen, dass genügend gespurt wird;-)
Plötzlich klarte der Himmel auf. Der Wind ließ nach, die Sonne kam hervor, und der Neuschnee glitzerte in hellem Licht. Die frische Schneedecke war ein Traum – weich, tief und unberührt. Die gesamte Landschaft wirkte, als sei sie mit einem dicken, funkelnden Teppich aus Neuschnee bedeckt worden. Wir genossen die letzten Kilometer in strahlendem Sonnenschein und waren erleichtert, dass wir die richtige Entscheidung getroffen hatten, als wir umgekehrt waren. Während sich vor uns die beiden Gruppen durch den Schnee kämpften, machten wir eine weitere Snack-Pause und ruhten uns aus. Immerhin hatten wir ja den ganzen Morgen bereits den ersten Teil der Strecke für alle gespurt.
Es folgen weitere Fotos der Gletscherhöhlen – dieses Mal im Tiefschnee. Der zweite Besuch hat mir noch besser gefallen als der erste und mir kamen fast die Tränen – es war einfach traumhaft schön. Ich war überglücklich, dass mein Mann und mein Sohn das auch erleben durften. Dieses Erlebnis ist sicherlich einmalig und wer weiss, ob sich so etwas nochmal wiederholen lässt!
Besonders der frische Schnee verlieh der Erfahrung etwas ganz Einzigartiges. Auch wenn es vielleicht etwas kitschig klingt, bin ich wirklich dankbar, in diesem wunderschönen Land zu leben!
Dritter Besuch – die Höhlen haben sich komplett verändert
Wir starten um kurz nach 8 Uhr an der Bahnstation, um einerseits alleine in den Höhlen unterwegs zu sein und andererseits Steinschlag zu entgehen. Je früher wir unterwegs sind, umso fester wird das Eis sein. Der Weg zu den Höhlen ist bereits gut gespurt, so dass wir diese problemlos finden. Wir starten dieses Mal bei der hintersten Höhle und nähern uns dem riesigen Eingang.
Diese Höhle war im letzten Jahr ca. 50 Meter tief und ein riesiger Stalaktit hing von der Decke. Beim jetzigen Besuch ist von der Höhle fast nichts mehr übrig. Der Grossteil ist eingestürzt oder weggeschmolzen und man kann ca. 5 Meter ins Innere gehen. Wir fühlen uns aber unwohl, da die Höhle einerseits mit einem aktiven Gletscher verbunden ist und andererseits grosse Eisblöcke von der Decke gestürzt sind. Von daher gehen wir nur kurz rein und betrachten sie lieber mit dem notwendigen Abstand.
Weiter geht es entlang einer riesigen Eiswand, an derem Fusse wir uns sehr klein vorkommen. Mittlerweile haben sich die Wolken verzogen und wir sehen im Hintergrund bereits immer wieder blauen Himmel. Die Landschaft ist surreal!
Von hier führt der Weg weiter zur zweiten Höhle. Im letzten Jahr war diese über 70 Meter lang und von einer enormen Deckenhöhe. Auch hier hing ein Stalaktit, der sogar mit dem Boden verbunden war. Ein Grossteil dieser Höhle ist auch verschwunden und zurückgeblieben ist eine ca. 15 Meter lange Höhle ist zurückgeblieben. Auch hier finden wir zahlreiche grosse Eisblöcke am Ende der Höhle.
Nachdem wir die zweite Höhle durchquert haben, folgt eine kleine dritte Open-Air-Höhle mit einem gefrorenen kleinen Wasserfall. In der Mitte befindet sich ein riesiges Loch, welches den Blick auf den Himmel freigibt. Diese neue Höhle gab es im Vorjahr nicht und auch diese ist sehr eindrücklich. Um die Höhle zu betreten, solltest du Steigeisen oder Spikes dabeihaben, da du komplett auf Eis laufen wirst.
Beim Abstieg ins Tal schaut die Sonne hinter den Bergen hervor. Wir sind froh über die wärmenden Strahlen, da es in Gletschernähe bitterkalt ist und man kaum die Handschuhe fürs Fotografieren ausziehen kann. Auf einer Bank lassen wir uns für unsere erste Pause nieder und wärmen uns mit Tee auf.
Wichtige Tipps für die Tour
Früh starten: Besonders an Wochenenden wird die Route stark frequentiert. Wer das magische Erlebnis ohne große Menschenmengen genießen möchte, sollte spätestens bei Sonnenaufgang losgehen.
Richtige Ausrüstung: Die Wanderung mag einfach erscheinen, doch Schneeschuhe, warme Kleidung, Handschuhe und eine gute Sonnenbrille sind unerlässlich. Erstaunlicherweise haben wir immer wieder Leute in Jeans und Turnschuhen gesehen – eine schlechte Idee in dieser hochalpinen Umgebung. Zudem sind Stöcke hilfreich, um im tiefen Schnee das Gleichgewicht zu halten.
Wetterverhältnisse beachten: Das Wetter kann sich schnell ändern. Ein plötzlicher Schneesturm kann gefährlich werden, besonders ohne gute Orientierung. Es lohnt sich, die Vorhersage genau zu prüfen und zur Not umzudrehen. Eine GPS-Navigation kann in schlechten Sichtverhältnissen hilfreich sein.
Respekt vor der Natur: Die Gletscherhöhlen sind wunderschön, aber auch instabil. Besonders nach starken Temperaturschwankungen oder Schneefällen sollte man sich nur mit großer Vorsicht in ihre Nähe wagen. Das Betreten der Höhle ist riskant, da sich jederzeit Eisstücke lösen können.
Rücksicht auf andere Wanderer: Da die Route beliebt ist, sollte man sich rücksichtsvoll verhalten. Wer früh startet, kann die Natur in Ruhe genießen, bevor die Massen eintreffen.
Genug Zeit einplanen: Auch wenn der Weg nicht besonders lang ist, sollte man sich nicht hetzen. Der Genuss der Stille, der Blicke auf das Gletschereis und die Fotomöglichkeiten machen die Wanderung zu einem unvergesslichen Erlebnis.
Die Schneeschuhwanderung zu den Gletscherhöhlen im Morteratschgletscher bleibt eines der beeindruckendsten Wintererlebnisse, das ich je hatte. Die Kombination aus unberührter Schneelandschaft, tiefblauem Eis und der Unberechenbarkeit des Wetters macht jede Tour einzigartig. Es ist ein Ort, an den ich immer wieder zurückkehren würde, um zu sehen, wie sich der Gletscher verändert und welche neuen Höhlen entstehen.
ECKDATEN
| Dauer | 3:25 Stunden |
| Höhenunterschied | ↗ 315m↘ 315m |
| Schwierigkeit | WT2 (letzer Anstieg nach der Brücke, sonst WT1) |
| Länge | 8.9 km |
| Lage | Kanton Graubünden |
| Genaue Route | Morteratsch – Morteratschgletscher – Retour |
| Tour durchgeführt im | Januar und Februar 2025 |
| Geeignet für Kinder | Technisch ist der Aufstieg wenig schwierig, sofern es keinen Neuschnee gibt. Als Eltern sollte man seine eigenen Fähigkeiten & Kenntnisse und die des Kindes einschätzen können. Man geht immer ein Risiko in einer Gletscherhöhle ein. Etwas Ausdauer für die Schneeschuhtour bis zur Brücke notwendig, danach kurzer steiler Aufstieg. |
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