Jotunheimen Trekking: Tag 4 von Leirvassbu nach Gjendebu
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T2
159m
589m
06:00
Jun-Okt
19.6km
Der Morgen in Leirvassbu beginnt ruhig. Draußen hängen tiefe Wolken über den umliegenden Bergen, und feuchte Luft zieht vom Tal herauf. Das Licht ist gleichmäßig grau, die Sicht begrenzt, aber es bleibt trocken. Beim Frühstücksbuffet gibt es wie gewohnt eine große Auswahl an Brot, Aufschnitt, Fisch, Käse und süßen Aufstrichen. Danach füllen wir die Trinkflaschen und packen das Lunchpaket ein, das im Übernachtungspreis enthalten ist.
Der Weg nach Gjendebu gilt als lang, aber technisch einfach. Die Strecke verläuft größtenteils bergab, über offenes Hochland und anschließend durch das breite Tal hinunter zum See. Wir starten kurz nach acht Uhr und folgen den roten DNT-Markierungen, die deutlich sichtbar über den grauen Untergrund führen.
Über die Hochfläche
Zunächst geht es leicht ansteigend durch flaches Gelände. Der Untergrund ist steinig, mit einzelnen feuchten Passagen zwischen den Felsen. Kleine Bäche queren den Weg, das Wasser läuft in dünnen Rinnen bergab. Links und rechts des Pfades wachsen Moose, Gräser und Flechten in verschiedenen Grautönen.
Nach etwa einer Stunde erreichen wir eine flach gewölbte Anhöhe. Der Blick öffnet sich über ein weites Tal, das sich nach Osten zieht – unser Weg führt genau dort hinunter. Die Landschaft ist offen und weit, fast ohne Vegetation. Nur vereinzelt liegen größere Felsblöcke in der Ebene. Der Wind ist schwach, die Wolken hängen unbewegt über uns.
Beginn des Abstiegs
Der Pfad senkt sich allmählich, zunächst kaum merklich. Die Markierungen führen zwischen kleinen Wasserläufen hindurch, die sich zu einem größeren Bach vereinen. Das Gelände wird unregelmäßiger, an manchen Stellen schmaler. Immer wieder setzen wir die Füße auf glatte Felsplatten, die durch die Feuchtigkeit rutschig sind.
Kurz darauf öffnet sich das Tal deutlich, und der Blick fällt auf einen mächtigen Wasserfall, der über eine steile Felswand ins Tal stürzt. Das Wasser rauscht mit hoher Geschwindigkeit in die Tiefe und bildet dichte Gischtwolken, die sich über die Felsen legen. Der Lärm ist schon von weitem zu hören, und in der feuchten Luft liegt der Geruch von nassem Stein. Der Weg führt in einiger Entfernung am oberen Rand des Wasserfalls vorbei, bevor er in mehreren Kehren weiter bergab leitet.
Bald erkennen wir deutlich, wie sich das Tal öffnet. Der Abstieg zieht sich über mehrere Kilometer. Der Pfad folgt einem Bach, dessen Wasser klar und kalt zwischen Steinen fließt. Immer wieder müssen wir über kleinere Seitenarme treten oder springen. Das Wasser ist flach, aber schnell.
Durch das lange Tal
Der Weg zieht sich gleichmäßig bergab. Das Gelände bleibt offen, die Vegetation nimmt langsam zu. Zwischen den Steinen wachsen erste kleine Sträucher, dann vereinzelte Gräser. Nach zwei Stunden Gehzeit tauchen die ersten grünen Flecken auf – ein Zeichen, dass die Baumgrenze näherkommt.
Der Pfad führt stellenweise direkt am Bach entlang. Dort ist der Untergrund aufgeweicht, teilweise überflutet. Das Wasser hat in den letzten Tagen offenbar kräftig zugenommen. Wir folgen dem Verlauf so lange wie möglich und suchen dann eine geeignete Stelle zum Queren.
An einer Stelle fließt ein Seitenarm so breit über den Wanderweg, dass der eigentliche Pfad kaum noch zu erkennen ist. Wir steigen über Steine und flache Felsplatten, um trocken hinüberzukommen. Ganz gelingt es nicht – nasse Schuhe bleiben an diesem Tag nicht aus.
Je weiter wir absteigen, desto stärker verändert sich die Landschaft. Aus grauen, steinigen Flächen wird ein grünes Tal. Das Geräusch des Wassers wird lauter, begleitet vom leisen Rascheln des Grases im Wind. Der Himmel bleibt geschlossen, das Licht gleichmäßig, die Temperatur angenehm kühl.
Unterhalb der Baumgrenze
Nach gut drei Stunden erreichen wir die ersten Birken. Zunächst stehen nur einzelne Bäume am Hang, später ganze Gruppen. Die Stämme sind hell, die Blätter leuchten frischgrün. Der Kontrast zur kargen Hochfläche ist deutlich.
Der Weg führt weiter bergab, teilweise über weiche Wiesenabschnitte. Große Steine ragen aus dem Boden, dazwischen liegen flache Platten, die stellenweise mit Moos bedeckt sind. Der Pfad ist hier besser erkennbar, aber an manchen Stellen matschig.
Kurz darauf öffnet sich das Tal. In der Ferne sind die Hänge zu sehen, die direkt hinunter zum Gjende führen. Der Fluss, dem wir folgen, ist breiter geworden und fließt nun in mehreren Armen durch das Tal. Wir bleiben auf der rechten Seite und orientieren uns an den roten „T“-Markierungen, die regelmäßig auf Felsen gemalt sind.
Letzter Abschnitt vor Gjendebu
Kurz vor der Hütte wird das Gelände sanfter. Der Fluss zieht weite Kurven, daneben liegen sumpfige Wiesen mit dichtem Gras. Auf einer der Wiesen steht eine kleine Herde Kühe, die gemächlich grasen. Sie wirken fast deplatziert in dieser sonst menschenleeren Umgebung.
Wir folgen dem Pfad bis zu einer Holzbrücke, die über einen breiten Seitenarm führt. Das Wasser rauscht darunter hindurch, dann biegt der Weg leicht nach Osten ab. Hinter einer kleinen Anhöhe tauchen die ersten Gebäude von Gjendebu auf.
Ankunft in Gjendebu
Die Hütte liegt am westlichen Ende des Gjende-Sees, umgeben von grünen Wiesen und Birken. Der See selbst ist nur teilweise zu sehen, sein türkisfarbenes Wasser wirkt an diesem Tag blass. Die Hütte besteht aus mehreren Gebäuden, darunter das Hauptgebäude mit Speisesaal und Aufenthaltsraum sowie kleinere Schlafhäuser.
Gjendebu ist die älteste Hütte des Norwegischen Wandervereins, 1871 gegründet. Ihre Lage ist abgelegen und beeindruckend – keine Straße führt hierher, nur Wanderwege oder Boote über den See.
Wir erreichen die Anlage am Nachmittag. Der Wind frischt leicht auf, und die Wolken hängen weiterhin tief über dem Tal. Vor der Hütte stehen Rucksäcke, Wanderstöcke und nasse Schuhe, die zum Trocknen aufgereiht sind.
Im Inneren herrscht ruhige Betriebsamkeit. Wanderer kommen und gehen, einige bereiten sich auf den nächsten Tag vor, andere sitzen im Speisesaal. Die Ausstattung ist einfach, aber funktional: Holztische, lange Bänke, trockene Räume und ausreichend Platz zum Lagern der Ausrüstung.
Abend in der Hütte
Das Abendessen wird zur festen Zeit serviert. Es gibt Suppe, Fisch, Kartoffeln, Gemüse und Brot. Das Essen ist schlicht, aber reichlich. Danach bleibt Zeit, um sich zu orientieren und den Ablauf für den nächsten Tag zu planen.
Vor der Hütte zieht Nebel über den See. Das Wasser wirkt milchig, die Berge am Ostufer sind kaum zu erkennen. Die Temperatur sinkt spürbar, und die letzten Wanderer kommen über den Pfad aus dem Tal.
Gjendebu liegt still zwischen See und Berghang. Die Umgebung wirkt abgeschieden, fast zeitlos. Morgen steht die letzte Etappe unserer fünftägigen Tour an – der Aufstieg über den Besseggen-Grat zurück nach Gjendesheim.
Hier geht es zu allen Etappen unserer Tour durch den Jotunheimen-Nationalpark:
ECKDATEN
| Dauer | 6:00 Stunden |
| Länge | 19.6 km |
| Höhenunterschied | ↗ 159m ↘ 589m |
| Schwierigkeit | T2 |
| Lage | Gemeinde Lom, Norwegen |
| Tour durchgeführt im | Juli 2025 |
| Geeignet für Kinder | Mit älteren Teenagern planen. Tour ist technisch nicht allzu schwer, aber konditionell anspruchsvoll. Ein Bach muss durchwatet werden. |
| Buchempfehlung | Rother Wanderführer Norwegen Süd |