Alpenpässenweg: Etappe 7 Thalkirch – Duvin
Silvie Kommentare 0 Kommentare
T2
855m
1378m
07:25
Jul-Okt
21.3km
Die siebte Etappe des Alpenpässewegs ist anspruchsvoll, auch wenn wir sie heute etwas abgekürzt haben. Die Strecke beträgt rund 21 Kilometer, mit 855 Höhenmetern im Aufstieg und 1.378 Metern im Abstieg. Ein langer Tag liegt vor uns. Wir starten im Gasslihof, einem idyllischen Bauernhof mit typischer Walserarchitektur, der uns sofort in die Atmosphäre des Tals eintauchen lässt. Schon nach den ersten Metern merken wir, dass dieser Abschnitt kein Spaziergang wird.
Die Nacht zuvor verbringen wir im Gasslihof. Ein Blick aus dem Fenster früh am Morgen lässt mich leicht erschrecken: Huch, es hat heute Nacht geschneit. Der Safierberg vom Vortag ist mit dickem Schnee bedeckt – vermutlich wären wir heute da nicht problemlos rübergekommen.
Am Morgen erwartet uns ein feines, regionales Frühstück, das keine Wünsche offenlässt. Besonders der selbstgemachte Zopf und das frisch gebackene Brot bleiben in Erinnerung – herzhaft, duftend, genau das Richtige, um Kraft für den Tag zu sammeln. Dazu gibt es Käse, Wurst und Produkte aus der Umgebung. Wer mag, kann sich ein Lunchpaket bestellen und selbst Sandwiches zusammenstellen – eine wunderbare Möglichkeit, für die lange Etappe gerüstet zu sein.
Entlang der Fahrstraße nach Thalkirch
Zu Beginn führt unser Weg noch ein Stück entlang der Fahrstraße, die sich sanft durchs Tal zieht. Bald erreichen wir Thalkirch, das kleine Dorf am Ende des Safientals. Hier steht die bekannte Kirche von Thalkirch – schlicht, aber eindrucksvoll. Ihr markanter Turm mit der spitzen Haube hebt sich klar von der umgebenden Bergkulisse ab. Seit Jahrhunderten ist sie ein wichtiger Orientierungspunkt und Treffpunkt für die Menschen in diesem abgelegenen Tal. Auch die Form des nach oben verlaufenden Friedhofs wirkt sehr speziell in dieser Umgebung.
Besonders auffällig ist der Weg, der direkt zur Kirche führt. Er wird von alten Hölzern eingefasst, die als Abgrenzung dienen und dem Ganzen einen ganz eigenen Charakter verleihen. Man spürt sofort die Geschichte des Ortes, während man diesen Abschnitt passiert – einfach, funktional und doch voller Atmosphäre.
Aufstieg ins Wolkenmeer
Die letzten beiden Tage hat es viel geregnet, und der Boden ist entsprechend aufgeweicht. Schon beim ersten steileren Anstieg klebt der Schlamm schwer an den Schuhen. Immer wieder müssen wir von Grasbüschel zu Grasbüschel hüpfen, um nicht komplett im Matsch zu versinken. Unsere Stöcke sind heute unverzichtbar. Während wir an Höhe gewinnen, öffnet sich der Blick ins Tal und die umliegende Bergwelt– zumindest theoretisch. Denn an diesem Morgen hängen dicke Wolken über den Hängen, und die Gipfel verschwinden in einem grauen Nichts.
Die Stimmung ist trotzdem besonders. Das diffuse Licht, unsere monotonen Schritte und die absolute Stille – nur ab und zu unterbrochen vom Glockengeläut einer Kuhherde – verleihen dem Aufstieg eine fast meditative Atmosphäre. Kühe begleiten uns auch immer wieder direkt auf dem Weg. Ganze Herden stehen gemütlich grasend im Hang, schauen uns kurz neugierig an, um dann wieder weiterzukauen. Wir bahnen uns vorsichtig unseren Weg zwischen ihnen hindurch.
Die Camanner Hütten
Der Wanderweg führt direkt entlang der Camanner Hütten – eine kleine, aber beeindruckende Ansammlung traditioneller Gebäude, die sich wie an einer Schnur aufgereiht auf etwa 1 800–2 000 m ü. M. erstrecken. Ursprünglich dienten sie als Einzelsennereien der Walser: Jedes Set besteht aus mindestens drei Bau-Einheiten – der eigentlichen Hütte (Sennerei), dem sogenannten Stupli (Schlafstube) sowie einer Stallscheune, in der die Kühe untergebracht und zweimal täglich gemolken wurden. Im Heuraum dieser Stallscheunen lagerten Heu und Futter für kurze Perioden, vor allem zur Überbrückung schlechter Wetterlagen.
Hier wird nicht nur Architektur sichtbar, sondern auch eine Lebensweise: getrennte Siedlungseinheiten zur Bewirtschaftung der Alp – simpel, effizient und stark verankert im Alltag der Safier Bauern. Die Anordnung dieser Hütten spiegelt die zyklische, naturgebundene Struktur der Landwirtschaft wider und erzählt stumm von jener Zeit, in der jede Familie autark in ihrem eigenen Alpteil wirkte.
Das Güner Lückli – ohne Aussicht
Nach mehreren Stunden erreichen wir den höchsten Punkt der Etappe: das Güner Lückli. Eigentlich soll man von hier oben weit ins Val Lumnezia blicken können. Heute aber sehen wir kaum weiter als zehn Meter. Der Wind treibt die Wolken über den Pass, der Himmel bleibt geschlossen. Es ist ein eigenartiger Moment: Man weiß, dass man an einem großartigen Aussichtspunkt steht, aber gleichzeitig bleibt einem dieser Blick verborgen. Statt Panorama gibt es eine karge, feuchte Landschaft im Nebel. Ein kleiner Augenblick der Demut – die Natur zeigt uns, dass sie ihre eigenen Regeln hat. Immerhin ist der Schnee der letzten Nacht fast vollständig verschwunden, so dass ich mir beim Aufstieg ganz umsonst Gedanken gemacht habe, wie wir hier wohl über den Pass kommen würden.
Immerhin ist es hier oben ziemlich windstill – kein Vergleich zum gestrigen Tag, als an eine Mittagspause auf dem Pass nicht zu denken war. So lassen wir uns nieder, um unsere selbstgemachten Sandwiches zu verspeisen. Immer wieder reissen die Wolken auf und geben uns den einen oder anderen Blick ins Val Lumnezia frei.
Der Abstieg nach Dūvin
Vom Güner Lückli geht es hinunter Richtung Val Lumnezia. Der Weg ist schmal, steinig und nach dem Regen rutschig. Konzentriert setzen wir Schritt für Schritt. Immer wieder queren wir kleine Rinnsale, die sich nach den Regenfällen ihren Weg den Hang hinab suchen. Es ist anstrengend, aber auch irgendwie spielerisch.
Zwischendurch lichtet sich der Nebel, und wir erhaschen kurze Blicke in die Landschaft – tiefe Täler, saftige Wiesen, vereinzelte Ställe. Dann schließen sich die Wolken wieder, und wir wandern weiter wie in einer Blase. Besonders auffällig: Wir begegnen den ganzen Tag keinem einzigen anderen Wanderer. Nur wir, die Kühe und die Wolken. Ein fast schon surreales Gefühl, so allein durch diese Bergwelt zu ziehen.
Es folgt der Abstieg vom Pass nach Duvin, der sich doch ein wenig in die Länge zieht. Wie bereits am Vortag begegnen wir auch heute keinem anderen Wanderer und sind komplett alleine auf dieser Etappe unterwegs.
Ankunft in Duvin
Nach zwei Stunden Abstieg erreichen wir Duvin. Das kleine Dorf wirkt wie aus der Zeit gefallen: schmale Gassen, traditionelle Häuser, absolute Ruhe. Duvin ist eines der kleinsten Dörfer im ganzen Val Lumnezia und zählt nur wenige Dutzend Einwohner. Die alten Walserhäuser schmiegen sich eng zusammen, viele von ihnen sind aus dunklem Holz gebaut und tragen verwitterte Schindeldächer. Ein kleiner Dorfplatz mit Kirche, Friedhof und Brunnen bildet das Herz des Ortes. Es gibt keine Geschäfte, keine Hektik – nur eine tiefe, fast meditative Stille. Hier spürt man unmittelbar, was Abgeschiedenheit bedeutet und wie eng das Leben mit der Natur verwoben ist.
Einige Häuser sind liebevoll renoviert und zeugen davon, dass es durchaus Menschen gibt, die diesen Ort erhalten und lebendig halten möchten. Der Charakter aber bleibt urtümlich, echt und unverfälscht. Es ist ein Dorf, das Geschichten erzählt, ohne viele Worte zu machen.
Hier wartet schließlich auch unser Shuttle, das uns hinunter nach Vella bringt. So sparen wir uns die restlichen Kilometer und können den Tag etwas früher beenden.
Tipp: In Duvin gibt es ein Postauto, welches mehrmals am Tag verkehrt und dich ins Tal (Ilanz) bringt. Dieses fährt allerdings nicht am Wochenende. Wenn du daher die Etappe wie wir auch in Duvin beenden möchtest, empfehle ich dir, diese Etappe auf einen Wochentag zu legen, um vom Postauto profitieren zu können. Alternativ kannst du im Gästezimmer Casa Cresta direkt in Duvin übernachten oder dir ein Taxi bestellen, welches dich ins Tal oder nach Vella bringt.
Wer die Etappe bis nach Vella weiterlaufen möchte, benötigt für diese ungefähr weitere 2:30 Stunden.
Ankunft im Hotel Pellas
In Vella kehrt ein ganz anderer Rhythmus ein. Das Wetter hat inzwischen umgeschlagen: Die Wolken haben sich verzogen, die Sonne scheint, und ein blauer Himmel spannt sich über das Val Lumnezia. Im stilvollen Boutique-Hotel Pellas werden wir herzlich empfangen. Schon beim Betreten spürt man die warme Atmosphäre, die das Haus ausstrahlt. Unsere Gastgeberin begrüßt uns mit einem Lächeln, das sofort ankommt – freundlich, aufmerksam und unaufdringlich.
Das 2018 aufwändig renoviert und umgebaut Haus besitzt einen architektonisch klaren Anbau mit großflächige Fensterfronten, die ihm eine moderne und zugleich alpine Ausstrahlung verleihen Das Gebäude liegt direkt an der Talstation der Sesselbahn Vella-Triel, dem Eingang zum weitläufigen Skigebiet Obersaxen-Mundaun-Val Lumnezia.
Im ursprünglichen Teil des Hotels vereinten sich charmante, historische Elemente mit zeitgemäßem Komfort – insgesamt 22 Zimmer und eine Suite verteilen sich heute über vier Stockwerke, dazu eine großzügige Sonnenterrasse. Die Kombination aus traditionellem und modernem Design schafft eine stilvolle und heimelige Atmosphäre.
Im Jahr 2020 übernahm das Gastgeberpaar Susan und Chris Faber die Leitung des Hauses. Sie folgten damit auf die Familie Gemperle, die den erfolgreichen Relaunch nach der Renovation im Jahr 2018 mitprägte. Die Fabers sind in der Region kein unbeschriebenes Blatt: Sie führten zuvor das Hotel La Val in Brigels und kehrten mit viel Leidenschaft zurück in die Surselva.
Nach einer heißen Dusche gönnen wir unseren Beinen eine kurze Pause und chillen ein wenig in den sehr bequemen Boxspringbetten. Am Abend erwartet uns ein Drei-Gänge-Menü, das nicht nur optisch überzeugt, sondern auch geschmacklich begeistert. Besonders schön: Der Koch kommt aus Berlin, meiner Heimatstadt. Ein unerwartetes Detail, das dem Abend eine persönliche Note verleiht. Die Kombination aus regionalen Zutaten und einer feinen, kreativen Küche macht das Essen zu einem Highlight dieser Reise.
Fazit
Die siebte Etappe des Alpenpässewegs ist fordernd, auch wenn wir sie abgekürzt haben. Der lange Aufstieg, die matschigen Wege, das Fehlen von Sicht am Pass – all das macht den Tag zu einer echten Herausforderung. Gleichzeitig hat genau das seinen Reiz. Wir erleben die Berge nicht im Bilderbuchmodus, sondern so, wie sie eben sind: unberechenbar, roh, ehrlich. Der Kontrast zwischen dem nebligen, einsamen Wandertag, dem feinen Frühstück im Gasslihof und dem warmen, genussvollen Abend im Hotel Pellas könnte kaum größer sein. Und vielleicht ist es genau diese Mischung, die diese Etappe unvergesslich macht.
Möchtest du mehr über die anderen Etappen unserer 3-Tages-Wanderung lesen? Hier geht es zu den anderen beiden Tagen:
ECKDATEN
| Dauer | 7:25 Stunden |
| Höhenunterschied | ↗ 855 Hm, ↘ 1378 Hm |
| Länge | 21.3 km |
| Schwierigkeit | T2 (mittel) |
| Lage | Kanton Graubünden |
| Genaue Route | Thalkirch – Camanna Hütten – Güner Lückli – Duvin |
| Tour durchgeführt im | August 2025 |
| Geeignet für Kinder | Eher nicht. Die Tour ist technisch nicht schwierig, aber konditionell anstrengend, da sehr lang. |
| Buchempfehlung | Alpenpässeweg: Die schönsten Pässe der Schweiz erleben |
Offenlegung: Dieser Beitrag ist in Zusammenarbeit mit Survelva Tourismus und Graubünden Tourismus entstanden. Meine Meinung, Ansichten und Tipps bleiben davon unbeeinflusst, der Tourismusverband hat keinerlei Vorgaben zur Berichterstattung gemacht.